Viele Begriffe rund um das Thema Autorität werden leider falsch verwendet. Das führt unter anderem dazu, dass sich Autorität als positives Element für und zwischen Menschen nachteilig im Miteinander auswirkt. Und dadurch dann überhaupt nicht mehr besprechbar und bearbeitbar ist, obgleich es subtil stark wirkt.
Oder: die Unklarheit machen sich Radikale zu nutze, um ihre Ideologien durchzusetzen und im schlimmsten Fall eine demokratisch nicht legitimierte, autoritäre oder gar totalitäre Herrschaft aufzubauen.

Mit meiner Reihe „Was heisst eigentlich“ (#washeisstegtl), erläutere ich Begriffe, die sich rund um das Thema Autorität drehen. Für eine fundierte und konstruktive Auseinandersetzung und „Entmystifizierung“.
Damit meine Erläuterungen nachvollziehbar sind, verweise ich dazu jeweils auf ausgewählte Quellen, für die eigene Nacharbeit.

Was heisst eigentlich „Autorität ausstrahlen“?

Wie wir manchmal der Presse entnehmen, strahlen Menschen Autorität aus oder haben gelernt, Autorität auszustrahlen.

Diese Begriffsverwendung ist fachlich falsch. Kein Mensch kann Autorität ausstrahlen.
Oder haben Sie sich bzw. andere schon einmal alleine selbst etwas ausstrahlen sehen?

Denn es braucht andere Menschen, die Verhalten und/ oder Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen als Strahlen bzw. Autorität bewerten. Quasi, bewertende Beobachter_innen.
Das ist ein aktiver Vorgang, eine Zuschreibung, die von anderen Menschen ausgeht (meist unbewusst). Und die diese Zuschreibung auf einen anderen Menschen (die „Autoritätsperson“) projizieren.

Doch die Zuschreibung alleine reicht auch noch nicht für das „Ausstrahlen“ aus. Der- oder diejenige, die Zielperson dieser Zuschreibungen also, muss die Zuschreibungen auch annehmen und sich dann konsistent dazu verhalten. Auch das ist ein aktiver, meist unbewusster, Vorgang.
Lehnt die Zielperson die Annahme ab oder entzieht sie sich der Zuschreibung (z. B. weil er/ sie aus dem Kontakt geht, die Beziehungsebene zerstört oder schlicht abwesend ist), fällt die Zuschreibung in sich zusammen oder, viel wahrscheinlicher, die Menschen suchen sich irgendeine andere Projektionsfläche (Objekt, Mensch, Idee/ Glaube).
Wenn die Zielperson, der Autorität zugeschrieben wird, im Übrigen nicht kontinuierlich das erwartete Verhalten zeigt, welches mit der Zuschreibung verbunden ist, also beispielsweise „sich stark geben“, wird in der Regel die Zuschreibung von den „bewertenden Beobachter_innen“ wieder unterlassen – umgangssprachlich, entzogen: Er oder sie (die „Zielperson“) strahlt dann nicht mehr.

Und es gilt noch eine weitere, wichtige Bedingung für das sogenannte „Strahlen“: Die Zuschreibung, dass jemand „Autorität austrahlt“, gilt immer nur für ein bestimmtes Umfeld (eine Organisation, eine Gesellschaftsgruppe, …) in der sich eine Gruppe von Menschen versammelt. Und diese Gruppe muss in etwa gleicher Meinung sein, dass sie das Verhalten und/ oder die Persönlichkeitseigenschaften mit Autorität „belegen“.
Wechselt die „Autoritätsperson“ das Umfeld (Organisation, Unternehmen, Gesellschaftsgruppe), in dem andere „bewertende Beobachter_innen“ andere Kriterien für die Zuschreibung von Autorität als „richtig“ erachten, strahlt auf einmal auch nichts mehr bei der (dann „plötzlich“ ehemaligen) Zielperson. Dieses Phänomen lässt sich häufig bei Politiker_innen, Unternehmensführer_innen oder auch Trainer_innen beobachten: in dem einem Umfeld war er/ sie noch die Autorität, in einem anderen Umfeld, verlässt ihn/ sie die Führungswirkung, die durch Autorität entsteht.

Ich beziehe mich bei meiner Darstellung nur auf den Aspekt der auctoritas (die personenbezogene Beziehungsdimension von Autorität). potestas (die institutionelle, funktionsbezogene Dimenson von Autorität) lasse ich zur Reduzierung der Komplexität unberücksichtigt, ebenso wie den Legitimationsprozess der Zuschreibung.
Beide nicht berücksichtigen Faktoren haben natürlich auch einen deutlichen Einfluss auf die Zuschreibung. Aber: das hier ist ein Blogpost und keine wissenschaftliche Arbeit.

Wenn nun beispielsweise eine Politikerin oder ein Politiker sagt, sie oder er hätte gelernt Autorität auszustrahlen, heisst das übersetzt, sie bzw. er hat gelernt…

  • den Kriterien zu entsprechen (Verhalten, Persönlichkeit, …), die die Mehrheit einer Gruppe (in einem speziellen Umfeld) als „Autorität ausstrahlen“ bewertet.
    Den Kriterien entsprechen kann heißen: sein Verhalten, seine Persönlichkeit den Kriterien anzupassen, also sich selbst zu verändern. Oder den Bewertungsrahmen der Gruppe so zu verändern, dass das eigene Verhalten, die eigene Persönlichkeit „auf einmal“ auf die dann relevanten Kriterien zutrifft. Oder eine Kombination aus beiden Varianten.
  • ein hohes Maß an Empathie und Anpassungsfähigkeit zu entwickeln, um die Zuschreibungskriterien für „Autorität ausstrahlen“ zu erahnen bzw. herauszufinden und sich dann daran anzupassen bzw. den Bewertungsrahmen der Gruppe mit zu verändern.
  • sich konsistent, also ohne größere Widersprüche, über einen längeren Zeitraum so zu verhalten, dass die Erwartungen der „bewertenden Beobachter_innen“ erfüllt werden.

 

Literatur. Eine Auswahl.

  • Arendt, Hannah; Uellenberg, Gisela; Reif, Adelbert (2013): Macht und Gewalt. Dt, Erstausg., 23. Aufl. München: Piper (Serie Piper, 1).
  • Baumann-Habersack, Frank H. (2017): Mit neuer Autorität in Führung. Die Führungshaltung für das 21. Jahrhundert. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden
  • Bochénski, Josef M. (1974): Was ist Autorität? Einführung in die Logik der Autorität. Freiburg i.Br.: Herder.
  • Landweer, Hilge; Newmark, Catherine (2018): Wie männlich ist Autorität? Feministische Kritik und Aneignung. Frankfurt, New York: Campus Verlag (Reihe „Politik der Geschlechterverhältnisse“, Band 60).
  • Sennett, Richard (2012): Autorität. 2. Aufl. Berlin: Berliner Taschenbuch-Verl. (BvT, 593).
  • Sternberger, Dolf (1959): Autorität, Freiheit und Befehlsgewalt. Tübingen: Mohr (Vorträge und Aufsätze / Walter-Eucken-Institut, 3).
  • Sofsky, Wolfgang; Paris, Rainer (1994): Figurationen sozialer Macht. Autorität, Stellvertretung, Koalition. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1135).
  • Verhaeghe, Paul (2016): Autorität und Verantwortung. München: Verlag Antje Kunstmann.
  • von Schlippe, Arist; Omer, Haim (2009): Stärke statt Macht. »Neue Autorität« als Rahmen für Bindung. In: Zeitschrift für Familiendynamik 34 (03), S. 246–254
  • von Schlippe, Arist; Omer, Haim (2016): Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. 3., unveränderte Auflage 2016. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Wagner, Ursula (1978): Autorität und Motivation im Industriebetrieb unter den Bedingungen des institutionellen Wandels. Berlin: Duncker & Humblot (Soziologische Schriften, 26).
  • Ziegler, Helmut (1970): Strukturen und Prozesse der Autorität in der Unternehmung. Ein organisationssoziolog. Beitr. z. Theorie d. betriebl. Organisation. Diss., Univ. Frankfurt/M. Stuttgart: Enke.